BESS vs. Bitcoin-Miner an den Negativstunden: Wer verdient am überschüssigen Solarstrom?
TL;DR: Seit dem Solarspitzengesetz (§51 EEG) entfällt die Vergütung, sobald der Börsenpreis negativ wird — genau in den sonnigsten Mittagsstunden ist der Strom dann nichts mehr wert. Es gibt zwei ehrliche Wege, ihn trotzdem zu nutzen: zwischenspeichern (BESS) oder vor Ort verbrauchen (z. B. Bitcoin-Miner). Welcher sich rechnet, entscheidet sich nicht am Mittag, sondern am Abend-Peak.

Das Problem: unvergüteter Mittagsüberschuss
Mit dem Solarspitzengesetz greift in Deutschland eine harte Regel: Fällt der Day-Ahead-Börsenpreis in den negativen Bereich, entfällt für die betroffenen Stunden die Marktprämie. In genau den Stunden, in denen eine PV-Anlage am meisten produziert, kann ihr Strom also wirtschaftlich wertlos werden. Wer den Überschuss einfach weiter ins Netz drückt, verschenkt ihn — oder zahlt im Extremfall sogar drauf.
Daraus folgt die eigentliche Frage. Sie lautet nicht mehr ob man etwas mit dem Überschuss tut, sondern was. Und hier stehen zwei grundverschiedene Konzepte gegeneinander: den Strom zeitlich verschieben oder ihn sofort vor Ort in einen anderen Wert umwandeln.
Zwei Konzepte, ein Überschuss
Der Batteriespeicher (BESS): Strom in den Abend verschieben
Ein Speicher nimmt den unvergüteten Mittagsstrom auf und gibt ihn wieder ab, wenn er etwas wert ist — typischerweise in den Abendstunden, wenn die Sonne weg ist und der Börsenpreis wieder steigt. Sein Erlös setzt sich aus zwei Quellen zusammen: der Vermeidung des §51-Erlösausfalls am Mittag und der Arbitrage über den Day-Ahead-Spread (günstig laden, teuer entladen).
Der Speicher ist in der Menge begrenzt: durch seine nutzbare Kapazität und die Zahl der sinnvollen Zyklen pro Tag. Er kann nicht jeden Überschuss aufnehmen. Sein Wert liegt nicht darin, „alles zu schlucken“, sondern darin, die richtige Energiemenge in die richtige Stunde zu verschieben.
Der Bitcoin-Miner: Strom sofort in Rechenleistung umwandeln
Ein Miner hinter dem Zähler verbraucht den Überschuss direkt vor Ort und wandelt ihn in Rechenleistung — und damit potenziell in Mining-Erlös. Er ist in der Aufnahme nahezu unbegrenzt: Er frisst jeden Mittagsüberschuss, und weil der Strom den Netzverknüpfungspunkt nicht passiert, fallen für diesen Eigenverbrauch keine Netzentgelte an.
Der Haken: Ein Miner erzeugt keinen Abendwert. Was er am Mittag verbraucht, ist am Abend weg. Sein Ertrag hängt zudem an Größen, die niemand kontrolliert — Bitcoin-Kurs und Mining-Difficulty schwanken stark. Er rechnet sich nur so lange, wie der Mining-Erlös über dem entgangenen Marktwert des Stroms liegt.
Wo die Antwort wirklich fällt: der Abend-Peak
Der entscheidende Unterschied ist nicht die Aufnahmemenge, sondern der Zeitwert des Stroms. Der Miner optimiert die Mittagsstunde: Er holt Wert aus Energie, die sonst nichts bringt. Der Speicher optimiert die Differenz zwischen Mittag und Abend: Er kauft am Mittag praktisch für null und verkauft am Abend zum Marktpreis.
Damit verschiebt sich die ganze Bewertung weg vom Mittag. Ein Miner gewinnt, wenn der Mining-Erlös je Kilowattstunde robust über dem liegt, was man am Abend für dieselbe Kilowattstunde am Markt bekäme. Ein Speicher gewinnt, wenn der Abend-Peak und der Tages-Spread groß genug sind, um Investition, Wirkungsgradverluste und Zyklenkosten zu tragen. Beide Aussagen lassen sich nicht pauschal beantworten — sie hängen am realen Preisprofil und an der konkreten Anlage.
Warum man das nicht mit einer Faustregel beantwortet
Es gibt keine allgemeingültige Rendite für „den Miner“ oder „den Speicher“. Beide Ergebnisse hängen an denselben drei Variablen: dem tatsächlichen Einspeiseprofil der Anlage, dem realen Day-Ahead-Preisverlauf im betrachteten Zeitraum und — beim Miner — der Bitcoin-Ertragszeitreihe (Kurs × Difficulty). Ändert sich eine dieser Größen, kippt das Ergebnis.
Genau deshalb gehört dieser Vergleich in einen offenen Rechner, der auf echten deutschen Negativpreis-Stunden arbeitet, statt auf Prospekt-Annahmen. Man dreht den Bitcoin-Kurs als Stresstest hoch und runter und sieht sofort, ob der Mining-Case robust oder fragil ist — und ab wann der Speicher die bessere Wahl wird. Wir nennen bewusst keine Pauschal-Rendite: Sie sehen die Mathematik, nicht ein Versprechen.
Stolperfallen aus der Praxis
- Nur den Mittag betrachten: Wer den Überschuss isoliert bewertet, übersieht den Abendwert — und damit den größten Hebel des Speichers.
- Mining-Erlös als konstant annehmen: Kurs und Difficulty schwanken; ein Case, der nur beim heutigen Kurs trägt, ist kein tragfähiger Case.
- Netzentgelte und Abgaben falsch verbuchen: Der Vorteil des Hinter-dem-Zähler-Verbrauchs gilt nur für die wirklich vor Ort verbrauchte Energie — die regulatorische Einordnung muss sauber geprüft sein.
- Speicher überdimensionieren: Mehr Kapazität, als der Abend-Peak aufnehmen kann, steht ungenutzt herum und verlängert die Amortisation, statt sie zu verkürzen.
- Auf Stundenwerten rechnen: Negativpreis-Phasen und Abend-Spreads zeigen sich erst in der 15-Minuten-Auflösung sauber — Stundenmittel glätten genau das weg, worauf es ankommt.
Fazit
Der Bitcoin-Miner und der Batteriespeicher lösen dasselbe Problem auf entgegengesetzte Weise: Der Miner zieht Wert aus dem wertlosen Mittag, der Speicher hebt den Mittagsstrom in den werthaltigen Abend. Welcher Weg gewinnt, entscheidet sich nicht an der Aufnahmemenge, sondern am Zeitwert des Stroms — und der fällt am Abend-Peak. Eine belastbare Antwort liefert nur die Rechnung auf dem echten Einspeiseprofil, dem realen Day-Ahead-Preis und der tatsächlichen Mining-Ertragszeitreihe. Alles andere ist ein Versprechen, kein Business-Case.
Wir lesen Anlage und Lastgang herstellerunabhängig aus und optimieren gegen den realen Strommarkt.
FAQ
Was passiert in den Negativstunden mit meinem Solarstrom?
Seit dem Solarspitzengesetz (§51 EEG) entfällt die Marktprämie für die Stunden, in denen der Day-Ahead-Börsenpreis negativ ist. In genau diesen — meist sonnigen Mittagsstunden — kann der eingespeiste Strom wirtschaftlich wertlos werden. Wer ihn ungenutzt einspeist, verschenkt ihn.
Warum gewinnt der Speicher oft trotz geringerer Aufnahmemenge?
Weil der Speicher den Mittagsstrom nicht nur aufnimmt, sondern in die Abendstunden verschiebt, in denen der Strom wieder Geld wert ist. Der Miner verbraucht den Strom sofort und erzeugt keinen Abendwert. Entscheidend ist also nicht, wie viel aufgenommen wird, sondern zu welchem Zeitwert.
Wann lohnt sich ein Bitcoin-Miner hinter dem Zähler?
Der Miner rechnet sich, solange sein Mining-Erlös je Kilowattstunde robust über dem entgangenen Marktwert derselben Energie liegt. Da Bitcoin-Kurs und Mining-Difficulty stark schwanken, ist ein Case nur tragfähig, wenn er auch bei deutlich niedrigeren Kursen noch trägt — nicht nur beim heutigen.
Kann man die bessere Option pauschal benennen?
Nein. Das Ergebnis hängt am realen Einspeiseprofil der Anlage, am tatsächlichen Day-Ahead-Preisverlauf und — beim Miner — an der Bitcoin-Ertragszeitreihe. Ändert sich eine dieser Größen, kippt das Ergebnis. Belastbar ist nur die Rechnung auf echten Daten, nicht eine Faustregel.
Warum reicht ein Stundenmittel für diese Rechnung nicht?
Negativpreis-Phasen und Abend-Spreads zeigen sich erst in der 15-Minuten-Auflösung sauber. Stundenmittel glätten kurze Preisausschläge und Spitzen weg — also genau das, woraus Speicher und Miner ihren Wert ziehen. Eine bankfähige Bewertung braucht 15-Minuten-Werte.
Herstellerunabhängig, auf echten Anlagendaten.