Scheinleistung & Blindleistung einfach erklärt

Scheinleistung (S) ist die Leistung, die tatsächlich durch deine Leitung fließt — sie setzt sich aus Wirkleistung (P) und Blindleistung (Q) zusammen. Wirkleistung ist der Teil, der Arbeit verrichtet, Blindleistung pendelt nur zwischen Netz und Gerät hin und her.
Wirkleistung P (Einheit: Watt, W) ist die Leistung, die wirklich in Bewegung, Wärme oder Licht umgesetzt wird — das ist es, was du im Kilowattstunden-Zähler bezahlst. Blindleistung Q (Einheit: var) verrichtet keine Arbeit: Sie wird zum Aufbau von Magnetfeldern in Motoren, Transformatoren und Drosseln gebraucht und in der nächsten Halbwelle wieder ans Netz zurückgegeben. Scheinleistung S (Einheit: VA) ist die geometrische Summe aus beiden — also das, was Kabel, Sicherung und Transformator wirklich aushalten müssen.

Die drei Größen bilden ein rechtwinkliges Dreieck: P ist die waagerechte Kathete, Q die senkrechte, S die Hypotenuse. Daraus folgt der Satz des Pythagoras: S² = P² + Q², also S = √(P² + Q²) und umgestellt Q = √(S² − P²). Der Winkel zwischen P und S ist der Phasenverschiebungswinkel φ. Ein Beispiel: Ein Motor zieht P = 8 kW Wirkleistung und Q = 6 kvar Blindleistung. Dann ist S = √(8² + 6²) = √100 = 10 kVA — die Leitung muss 10 kVA tragen, obwohl nur 8 kW arbeiten.

Der Leistungsfaktor cos φ = P / S sagt dir, welcher Anteil der durchfließenden Leistung tatsächlich arbeitet. Im Beispiel oben: cos φ = 8 kW / 10 kVA = 0,8. Bei cos φ = 1 fließt reine Wirkleistung (klassisch bei Heizungen und Glühlampen), es gibt keine Blindleistung. Je kleiner cos φ, desto mehr Blindleistung schleppst du mit: Bei cos φ = 0,7 fließt fast genauso viel Blind- wie Wirkleistung. Weitere nützliche Formeln: Q = S · sin φ und Q = P · tan φ.

Blindleistung verrichtet zwar keine Arbeit, belastet aber trotzdem Leitungen, Trafos und das Netz — der Strom fließt real, erzeugt reale Verluste. Deshalb messen Netzbetreiber bei größeren Anschlüssen (Leistungsmessung, RLM) neben der Wirkarbeit in kWh auch die Blindarbeit in kvarh. Überschreitet sie eine im Netzanschlussvertrag festgelegte Grenze, wird sie separat berechnet — der Posten heißt meist 'Blindarbeit' oder 'Blindmehrarbeit'. Bei Haushalten mit Standardzähler wird Blindleistung in der Regel nicht abgerechnet.

Verursacher sind vor allem induktive Verbraucher: Asynchronmotoren, Pumpen, Lüfter, Kompressoren, Transformatoren, Schweißgeräte und Vorschaltgeräte. Sie brauchen Blindleistung fürs Magnetfeld (induktive Blindleistung, Strom eilt der Spannung nach). Das Gegenmittel ist Kompensation: Kondensatoren liefern kapazitive Blindleistung, die der induktiven entgegenwirkt und sie vor Ort deckt, statt sie über das Netz zu holen. Praktisch geschieht das über eine Kompensationsanlage — fest, geregelt (Blindleistungsregler mit Kondensatorstufen) oder direkt am einzelnen Motor. Ergebnis: cos φ steigt Richtung 1, Scheinleistung und Strom sinken, die Blindarbeit auf der Rechnung geht zurück.
Drei Schritte reichen: 1. Schau auf deine Rechnung oder ins Zählerprotokoll — brauchst du die Wirkarbeit (kWh) und die Blindarbeit (kvarh) desselben Zeitraums. 2. Bilde das Verhältnis: tan φ = Blindarbeit / Wirkarbeit; daraus cos φ = 1 / √(1 + tan²φ). 3. Liegt dein cos φ unter dem im Vertrag geforderten Wert (in der Praxis oft im Bereich 0,9 bis 0,95), zahlst du Blindarbeit — und eine Kompensation rechnet sich meist schnell. Wenn kein Blindarbeitszähler existiert, findest du den cos φ vieler Geräte direkt auf dem Typenschild.
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