Blindleistung induktiv und kapazitiv – wo ist der Unterschied?

Der Unterschied steckt in der Phasenlage: Bei induktiver Last eilt der Strom der Spannung nach, bei kapazitiver eilt er ihr voraus. Genau deshalb können beide sich gegenseitig aufheben – das ist die ganze Idee hinter der Kompensation.
Induktive Blindleistung entsteht überall dort, wo Magnetfelder aufgebaut werden – in Motoren, Transformatoren, Drosseln und Spulen. Der Strom hinkt der Spannung hinterher (er eilt nach), der cos φ ist "nacheilend". Im üblichen Verbraucher-Zählpfeilsystem zählt man diese Blindleistung Q als positiv: Die induktive Last verbraucht Blindleistung.

Kapazitive Blindleistung entsteht in Kondensatoren, in langen Kabeln und Freileitungen sowie in Wechselrichtern, die bewusst im Q-Betrieb fahren. Hier eilt der Strom der Spannung voraus, der cos φ ist "voreilend". Das Vorzeichen dreht sich um: Q wird negativ, der Kondensator liefert Blindleistung, statt sie zu verbrauchen.

Nutze die Eselsbrücke "ELI the ICE man": Bei der Spule (L) eilt die Spannung E dem Strom I voraus – das ist induktiv. Beim Kondensator (C) eilt der Strom I der Spannung E voraus – das ist kapazitiv. Wenn du den cos φ deiner Anlage kennst, verrät dir das Wort "nacheilend" oder "voreilend" sofort, welcher Typ vorliegt.

Weil induktive und kapazitive Blindleistung entgegengesetzte Vorzeichen haben, kannst du sie gegeneinander verrechnen. Ein Kondensator liefert genau die Blindleistung, die ein Motor zieht – das ist das Prinzip der Blindleistungskompensation. Ziel ist ein cos φ nahe 1, also möglichst wenig pendelnde Blindleistung im Netz. Praktisch relevant: Schon bei cos φ 0,7 fließt fast so viel Blind- wie Wirkleistung.

Schau auf deine Verbraucher: Überwiegen Motoren, Pumpen und Trafos, ist deine Anlage induktiv geprägt – der Normalfall in Gewerbe und Industrie. Hast du viel Kabelstrecke, PV-Wechselrichter oder Kompensationsanlagen, kommt kapazitiver Anteil dazu. Für die konkrete Größe rechnest du Q = √(S² − P²) oder Q = S · sin φ; das Vorzeichen ergibt sich aus der Richtung des cos φ.