Was ist Scheinleistung? Formel und Praxis erklärt

Die Scheinleistung S ist die Leistung, die tatsächlich durch deine Leitung fließt — das Produkt aus Spannung und Strom, angegeben in Voltampere (VA). Sie setzt sich aus der nutzbaren Wirkleistung P und der Blindleistung Q zusammen und ist deshalb immer größer oder gleich der Leistung, die deine Maschine wirklich in Arbeit umsetzt.
Scheinleistung ist das Produkt aus dem Effektivwert der Spannung und dem Effektivwert des Stroms, ohne Rücksicht darauf, ob Strom und Spannung phasenverschoben sind. Ihre Einheit ist Voltampere (VA), nicht Watt — genau diese Unterscheidung ist der ganze Punkt. Watt (W) bleibt der Wirkleistung vorbehalten, var der Blindleistung. Nur bei einer rein ohmschen Last (Heizstab, Glühlampe) sind Schein- und Wirkleistung gleich groß; sobald Motoren, Trafos oder Vorschaltgeräte im Spiel sind, läuft die Scheinleistung der Wirkleistung davon.

Einphasig gilt: S = U · I. Beispiel: 230 V und 10 A ergeben S = 2.300 VA = 2,3 kVA. Dreiphasig (Drehstrom) rechnest du mit S = √3 · U · I, wobei U die verkettete Spannung (400 V) ist. Beispiel: 400 V und 16 A ergeben S = 1,732 · 400 · 16 ≈ 11.085 VA ≈ 11,1 kVA. Kennst du Wirk- und Blindleistung, geht es auch über das Leistungsdreieck: S = √(P² + Q²). Und wenn du P und den Leistungsfaktor hast: S = P / cosφ.

Stell dir ein rechtwinkliges Dreieck vor: die Wirkleistung P (in W) liegt waagerecht, die Blindleistung Q (in var) senkrecht, die Scheinleistung S (in VA) ist die Hypotenuse. Daraus folgt S² = P² + Q², außerdem P = S · cosφ und Q = S · sinφ. Der Winkel φ ist die Phasenverschiebung zwischen Strom und Spannung. Praktische Konsequenz: bei cosφ 0,7 fließt fast so viel Blind- wie Wirkleistung — dein Netz transportiert dann deutlich mehr, als deine Anlage tatsächlich in Arbeit umsetzt.

Der Leistungsfaktor ist definiert als cosφ = P / S. Er sagt dir, welcher Anteil der transportierten Scheinleistung bei dir tatsächlich Arbeit leistet. Bei cosφ = 1 ist alles Wirkleistung. Bei cosφ = 0,8 brauchst du für 80 kW Wirkleistung schon 100 kVA Scheinleistung — 25 % mehr Strom in der gleichen Leitung. Rechenbeispiel: P = 80 kW, cosφ = 0,8 → S = 80 / 0,8 = 100 kVA, daraus Q = √(100² − 80²) = 60 kvar.

Trafos, Generatoren, Kabel, Sicherungen und Notstromaggregate werden in kVA dimensioniert, nicht in kW — denn sie müssen den gesamten Strom aushalten, auch den Blindanteil, der keine Arbeit verrichtet. Ein 100-kVA-Trafo liefert bei cosφ 0,8 eben nur 80 kW nutzbare Leistung. Genauso ist deine Hausanschluss- oder Netzanschlussgrenze faktisch eine Strom- und damit Scheinleistungsgrenze. Sinkt der cosφ, verschenkst du Anschlussleistung, ohne mehr zu produzieren.
Erstens: cosφ messen oder aus der Abrechnung ablesen. Viele Versorger stellen Blindarbeit ab einem bestimmten Verhältnis zur Wirkarbeit gesondert in Rechnung — prüf deine Rechnung auf eine kvarh-Position. Zweitens: liegt der cosφ dauerhaft niedrig, kommt eine Blindleistungskompensation infrage (Kondensatoren bei induktiven Lasten wie Motoren). Drittens: bei PV- und BESS-Anlagen kann der Wechselrichter Blindleistung stellen — hier gibt der Netzbetreiber die Fahrweise vor (etwa ein festes cosφ oder eine Kennlinie). Ändere solche Einstellungen nie ohne Abstimmung mit dem Netzbetreiber.
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