BHKW: Mehr Kraftstoff bei cosφ 1 statt 0,9?

Kurz gesagt: Nein. Dein Kraftstoffverbrauch hängt an der Wirkleistung (kW) – nicht daran, ob du mit cosφ 1 oder 0,9 fährst. Tendenziell brauchst du bei cosφ 1 sogar minimal weniger Sprit, weil weniger Strom durch den Generator fließt.
Bei gleicher Wirkleistung (kW) verbraucht dein BHKW mit cosφ 1 nicht mehr, sondern eher etwas weniger Kraftstoff als mit cosφ 0,9. Der Motor leistet die mechanische Arbeit für die Wirkleistung – die Blindleistung, die bei 0,9 zusätzlich fließt, verrichtet am Generator keine echte Arbeit und zieht deshalb kaum Kraftstoff. Die verbreitete Sorge „cosφ 1 kostet mehr Sprit" ist also umgekehrt gedacht.

Kraftstoff wird verbrannt, um Drehmoment an der Welle zu erzeugen – und Drehmoment × Drehzahl ergibt Wirkleistung. Blindleistung pendelt dagegen nur zwischen Netz und Generator hin und her, ohne die Welle zu belasten. Bei cosφ 0,7 fließt bereits fast so viel Blind- wie Wirkleistung, ohne dass der Motor dafür nennenswert mehr Diesel oder Gas braucht. Der Verbrauch folgt der kW-Anzeige, nicht der kvar-Anzeige.

Es gibt einen messbaren, aber kleinen Effekt in die andere Richtung. Bei cosφ 0,9 muss der Generator für dieselbe Wirkleistung rund 11 % mehr Strom liefern (1 ÷ 0,9). Die ohmschen Verluste in den Wicklungen steigen etwa mit dem Quadrat des Stroms – also grob ein Fünftel mehr Wicklungsverluste. Diese Zusatzverluste muss der Motor mitliefern. Deshalb kostet cosφ 0,9 minimal mehr Kraftstoff als cosφ 1, nicht weniger.

Umgekehrt wird ein Schuh draus, wenn dein Generator an seiner Scheinleistungs-Grenze (kVA) läuft. Der Generator ist auf kVA und Strom ausgelegt, der Motor auf kW. Fährst du bei cosφ 0,9 an der kVA-Grenze, kannst du nur 90 % davon als Wirkleistung nutzen – bei cosφ 1 dagegen die volle kW-Leistung. Für den vermarktbaren Stromertrag ist cosφ 1 dann klar im Vorteil, ohne Mehrverbrauch.

Auf der Abrechnung zählt getrennt: Wirkarbeit (kWh) wird als eingespeiste bzw. verbrauchte Energie vergütet oder berechnet – daran hängen dein Kraftstoffeinsatz und dein Erlös. Blindarbeit (kvarh) wird vom Netzbetreiber separat gemessen und meist erst oberhalb eines Toleranzbandes (häufig um cosφ 0,9) als Blindarbeit berechnet. Fährst du näher an cosφ 1, sparst du dir diese Blindarbeits-Positionen. Ein cosφ-basierter Fahrplan sollte deshalb Kraftstoffkosten, kWh-Erlös und mögliche Blindarbeits-Kosten gemeinsam betrachten.
Regel deinen cosφ nach dem Ziel, nicht nach dem Bauchgefühl: Willst du maximale Wirkleistung und minimale Verluste, fahre nahe cosφ 1. Sollst du dem Netz Blindleistung als Systemdienstleistung bereitstellen, akzeptiere bewusst einen niedrigeren cosφ – die geringe Zusatzlast an Kraftstoff steht dann einer möglichen Vergütung oder Netzanforderung gegenüber. Wichtig ist ein Messkonzept, das Wirk- und Blindarbeit sauber trennt, gerade wenn PV, BHKW und Speicher hinter einem Anschluss zusammenlaufen.
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