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Biogas Flex-Fahrplan und Gasspeicher: Wie BGAs von dynamischen Strompreisen profitieren

**TL;DR:** Ein Flex-Fahrplan lohnt sich für BGAs, wenn die Spreizung der viertelstündlichen Day-Ahead-Preise über das Jahr einen bestimmten Schwellwert überschreitet und das Verhältnis installierte Leistung zu Gasspeicher-Volumen mindestens 8–12 Stunden Pufferung erlaubt. Bei 96 Preissignalen pro Tag und durchschnittlichen Spreads von 80–140 €/MWh in 2025 rechnen sich Überbauungen ab Faktor 1,6 regelmäßig — darunter wird es betriebswirtschaftlich dünn.


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## Warum der Flex-Fahrplan 2026 wichtiger wird als je zuvor


Die Zeiten, in denen BGA-Betreiber 8.760 Stunden grundlastig durchgefahren sind und sich über die feste EEG-Vergütung gefreut haben, sind vorbei — zumindest für Anlagen, die in die Anschlussförderung oder in die Direktvermarktung gegangen sind. Wer heute eine Biogasanlage wirtschaftlich betreibt, muss sich mit dem **Biogas Flex Fahrplan** auseinandersetzen: der bewussten, preisgesteuerten Fahrweise des BHKW nach Day-Ahead- oder Intraday-Signalen.


Die Motivation ist simpel: Der Spotmarkt zeigt in 2025 und 2026 Preisspreizungen, die es vor fünf Jahren nicht gab. Dunkelflauten im November treiben Preise über 400 €/MWh, sonnige Mittage im Frühjahr drücken sie bei hoher PV-Einspeisung auf negative Werte. Zwischen diesen Extremen fährt eine flexibilisierte BGA mit gutem Fahrplan deutliche Zusatzerlöse ein — oder verbrennt Geld, wenn sie es nicht tut.


Aber: Die Flexibilisierung ist nicht geschenkt. Gasspeicher kosten, zusätzliche BHKW-Leistung kostet, und die Steuerung muss technisch sauber laufen. In diesem Artikel gehen wir durch, ab welcher Schwelle sich der Flex-Fahrplan lohnt, wie die 96 viertelstündlichen Preissignale optimal ausgenutzt werden und wo typische Fehler passieren.


## Grundlagen: Was bedeutet "Flex-Fahrplan" technisch?


Ein Flex-Fahrplan ist nichts anderes als ein viertelstündlich aufgelöster Lastgang, der dem BHKW für die nächsten 24 bis 36 Stunden vorgibt, wann es mit welcher Leistung laufen soll. Die Grundidee: Gas wird dann verstromt, wenn der Strompreis am höchsten ist, und das BHKW steht, wenn der Preis niedrig oder negativ ist.


### Die drei technischen Voraussetzungen


1. **Ausreichender Gasspeicher** — Wer das BHKW 12 Stunden stehen lassen will, muss 12 Stunden Gasproduktion zwischenspeichern können. Typische Folienspeicher liegen bei 4–8 Stunden Kapazität, echte Flex-Anlagen bauen auf 12–24 Stunden.

2. **Überbauung der BHKW-Leistung** — Eine 500 kW-Anlage mit Faktor 2 Überbauung hat 1.000 kW installiert, läuft aber im Schnitt nur 4.380 Stunden. Ohne Überbauung kann man nicht verschieben, man kann nur abschalten.

3. **Prognose- und Steuerungsinfrastruktur** — Der Fahrplan muss täglich neu berechnet, an die Direktvermarktung übergeben und ans BHKW kommuniziert werden. Hier kommt die [electricity_price_forecast Pipeline](https://stromfee.ai/forecast) ins Spiel, die mit Prophet-ML die 96 Viertelstundenpreise für den Folgetag prognostiziert.


### Die regulatorische Seite


Die Flexibilitätsprämie nach altem EEG ist ausgelaufen, aber die neue **Flexibilitätszuschlag-Systematik** und die Anschlussförderung für Bestandsanlagen bewerten weiterhin die installierte Flex-Leistung. Dazu kommt die Teilnahme am Redispatch 2.0 bzw. perspektivisch Redispatch 3.0, wo flexible BGAs als steuerbare Einheiten relevante Rollen spielen können. Wir haben dazu umfangreiche Daten — über [4,4 Millionen Redispatch-Maßnahmen seit 2013](https://stromfee.ai/redispatch) liegen in unserer ClickHouse-Datenbank, und Biogas taucht dort zunehmend häufiger als aktiver Teilnehmer auf.


## Die Schwelle: Ab wann lohnt sich der Flex-Fahrplan wirklich?


Das ist die Frage, die mir Betreiber am häufigsten stellen. Und die Antwort ist leider: Es kommt drauf an. Aber man kann die Kriterien sauber herleiten.


### Kriterium 1: Die Spotmarkt-Spreizung


Der jährliche Durchschnitts-Spread zwischen dem teuersten und günstigsten Viertelstunden-Preis eines Tages (gemittelt über 365 Tage) ist die zentrale Kennzahl. In 2023 lag dieser Wert bei etwa 95 €/MWh, 2024 bei rund 110 €/MWh, in 2025 je nach Monat zwischen 80 und 140 €/MWh.


Als Daumenregel: Liegt der jahresdurchschnittliche Peak-to-Valley-Spread unter **60 €/MWh**, rechnet sich die Flex-Investition bei typischen Speicher- und BHKW-Kosten kaum. Über **100 €/MWh** wird es für die meisten Konstellationen interessant. Dazwischen muss man genau rechnen.


### Kriterium 2: Das Überbauungs-Verhältnis


Eine BGA ohne Überbauung (Faktor 1,0) kann nur abschalten, nicht verschieben. Das bringt je nach Vergütungsmodell etwas, aber nicht viel. Der wirtschaftliche Sweet Spot liegt erfahrungsgemäß zwischen **Faktor 1,6 und 2,2**. Darunter ist der Hebel zu klein, darüber steigen die BHKW-Fixkosten überproportional.


### Kriterium 3: Die Prognosegüte


Ein Flex-Fahrplan, der auf schlechten Preisprognosen basiert, ist schlimmer als kein Flex-Fahrplan. Wenn das BHKW zur vermeintlich teuersten Stunde läuft und der Preis dann bei 40 €/MWh liegt statt bei 180 €/MWh, hat man die Anfahr- und Wartungskosten umsonst bezahlt.


Seriöse ML-basierte Preisprognosen erreichen heute MAPE-Werte zwischen 12 und 22 Prozent auf Day-Ahead-Basis. Alles, was mit Hit-Rates über 90 Prozent beworben wird, sollte man kritisch hinterfragen — solche Werte sind im volatilen Marktumfeld 2025 unrealistisch.


## Wie man aus 96 Preissignalen einen optimalen Fahrplan rechnet


Technisch ist der Flex-Fahrplan ein Optimierungsproblem. Gegeben sind:


- 96 Viertelstundenpreise (Day-Ahead oder Intraday-Prognose)

- Gasproduktion pro Viertelstunde (aus Biologie, relativ konstant)

- Gasspeicher-Füllstand und -Kapazität

- Installierte BHKW-Leistung und Mindestlaufzeit

- An-/Abfahrkosten und Wartungsintervalle


Gesucht wird: Das Dispatch-Profil, das den Erlös maximiert, ohne den Speicher über- oder zu entleeren.


### Der typische Lösungsweg


Das lässt sich als lineares oder gemischt-ganzzahliges Optimierungsproblem formulieren. In der Praxis nutzen wir bei Stromfee eine kausale Engine mit 15 verknüpften Kausalketten, die neben dem reinen Preissignal auch Restriktionen wie Bio-Tonnen-Füllstand, Wärmebedarf (bei Wärmenetz-Kopplung) und Redispatch-Wahrscheinlichkeit einbezieht. Das LEAP-71-Pattern hat sich dabei als robust erwiesen, weil es Unsicherheiten propagiert statt sie wegzumitteln.


### Ein Rechenbeispiel


Ein 1 MW BGA-Betrieb in Norddeutschland mit Überbauung auf 2,0 MW und 14 Stunden Gasspeicher hat 2024 im direktvermarkteten Flex-Betrieb einen mittleren Mehrerlös von etwa 18–26 €/MWh gegenüber konstanter Fahrweise erzielt — das entspricht bei 4.380 Volllaststunden einem jährlichen Zusatzbetrag im niedrigen sechsstelligen Bereich. Die Mehrinvestition in Speicher und zusätzliches BHKW amortisiert sich dabei in der Größenordnung von 7–11 Jahren, abhängig von Finanzierung und Marktentwicklung.


Ein landwirtschaftlicher PV+Biogas-Betreiber mit nur 6 Stunden Speicher und Überbauungsfaktor 1,3 kam hingegen auf Mehrerlöse von 4–7 €/MWh — hier war die Flex-Investition betriebswirtschaftlich nicht darstellbar.


## Praktische Stolpersteine im Flex-Betrieb


### Wärmelieferverpflichtungen


Viele BGAs haben KWK-Wärmeabnehmer — Trocknungsanlagen, Nahwärmenetze, Gärtnereien. Wenn das BHKW nur noch bei hohen Strompreisen läuft, fehlt die Wärme. Ein mittelständisches Nahwärmenetz, das ich vor zwei Jahren beraten habe, musste einen zusätzlichen Pufferspeicher und einen Spitzenlastkessel einplanen, um Flex-Betrieb überhaupt vertraglich abbilden zu können.


### Anfahr- und Abfahrverluste


Jeder Start-Stopp-Zyklus kostet — Kaltstart etwa 15–25 € an Verschleiß und Öl, plus 5–10 Minuten Anlaufzeit mit schlechtem Wirkungsgrad. Wer 30 mal am Tag an- und abfährt, um jedes Preistälchen mitzunehmen, verbrennt den Gewinn. Gute Fahrpläne bündeln Betriebsstunden in Blöcken von mindestens 2–4 Stunden.


### Gasqualität und Biologie


Die Biologie im Fermenter mag konstante Bedingungen. Extrem schwankende Gasabnahme kann zu Druckschwankungen im Fermenter führen, was langfristig die Prozessstabilität beeinträchtigt. Deshalb: Gasspeicher großzügig dimensionieren, damit Fermenter-Druck stabil bleibt.


### Direktvermarkter-Schnittstelle


Der Fahrplan muss spätestens um 14:30 Uhr für den Folgetag an den Direktvermarkter gehen. Änderungen intraday sind möglich, aber mit Preisabschlägen verbunden. Die Schnittstelle muss technisch sauber laufen — API, SFTP, oder zunehmend auch MQTT-basiert.


## Ausblick: Was kommt nach dem reinen Day-Ahead-Flex?


Der nächste Schritt für viele BGAs ist die Kombination aus Flex-Fahrplan und **Regelleistungsmarkt**. Besonders aFRR (automatische Frequenzregelung, Sekundärreserve) ist für schnell startende BHKW attraktiv, weil die Leistungsvorhaltung auch bei nicht abgerufener Leistung vergütet wird. Die Präqualifikation ist aufwendig, aber für Anlagen ab etwa 1 MW oft darstellbar.


Parallel dazu rollen THG-Quote und die zunehmende Einbindung von BGAs in Redispatch-Prozesse Richtung. Wer heute in saubere Steuerungsinfrastruktur investiert, kann diese Märkte modular erschließen — ohne jedes Mal die komplette Anlagensteuerung neu aufzusetzen.


Wer tiefer einsteigen will: In der [Stromfee Academy](https://stromfee.ai/academy) gibt es einen Simulator, mit dem man den eigenen Flex-Fahrplan gegen historische Spotpreise durchrechnen kann. Das ist nützlich, bevor man in Speicher oder Überbauung investiert.


## Zusammenfassung


Der **Biogas Flex Fahrplan** ist 2026 für einen großen Teil der deutschen BGAs wirtschaftlich relevant geworden — aber nicht für alle. Die Schwelle liegt grob bei jahresdurchschnittlichen Spotmarkt-Spreads über 80–100 €/MWh, Überbauungsfaktoren von 1,6 oder mehr und Gasspeichern mit mindestens 8–12 Stunden Pufferkapazität. Prognosegüte, Steuerungstechnik und die Einbindung von Wärmeverpflichtungen entscheiden darüber, ob aus theoretischen Mehrerlösen echte betriebswirtschaftliche Vorteile werden.


Wer heute noch grundlastig fährt, sollte zumindest eine saubere Wirtschaftlichkeitsrechnung machen. Die Datenlage ist inzwischen gut


[gekürzt]

 
 
 

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